Das Chorfenster der Emmauskirche von Adolf Valentin Saile

Es geschah auf dem Weg nach Emmaus. Zwei Männer, ins Gespräch vertieft, gehen langsam auf die sinkende Sonne zu. Immer wieder schüttelt einer von beiden den Kopf und bleibt fragend stehen. Fast unbemerkt gesellt sich ein Fremder zu ihnen und spricht sie an. Und sie reden mit ihm, erzählen ihm von ihrem Schmerz, ihrer Ratlosigkeit angesichts der Ereignisse der letzten Tage. Da sagt er: „Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“ Und dann erklärt er ihnen den Sinn dessen, was geschehen ist.
Valentin Saile hat dieses Gespräch Jesu mit den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus in dem Chorfenster der Emmauskirche in Riedenberg dargestellt.
Fünf biblische Szenen, gruppiert um den Auferstandenen, werden - sinngemäß miteinander verbunden - zu zwei aufeinanderliegenden Dreiecken, eines mit der Spitze nach unten, das fragt, eines mit der Spitze nach oben, das deutet. So gesehen bildet das ganze einen Davidsstern, ein Erkennungszeichen des Messias. „Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“
Links oben sehen wir die Kreuzabnahme Jesu durch die Jünger, und wir spüren die Ratlosigkeit, die sie bewegt. War dieser nicht zum Segen gekommen? Zum Segen für das Volk Israel und durch dieses für die ganze Welt? Weshalb wurde er dann an das Fluchholz gehängt?
Des Weiteren sehen wir rechts oben die Grablegung Jesu mit den Jüngern, und wir können ihre Verzweiflung deutlich wahrnehmen. War nicht dieser gekommen, um den Menschen das Leben zu bringen? Warum wurde er dann in den Tod gegeben?
Und schließlich sehen wir unten in der Mitte die Frauen am leeren Grab. Wir ahnen ihren Schmerz. War nicht dieser gekommen, um ihnen die Liebe nahe zu bringen, die Liebe zu Gott und zum Nächsten? Warum wurde er selbst dann so gänzlich ihren Blicken und Händen entzogen?
Der Kreuzabnahme zugeordnet ist das Bild des Sündenfalls darunter. Dem Fluchholz des Kreuzes entspricht der Baum der Versuchung. Durch die Schuld des Menschen besteht Feindschaft zwischen ihm und Gott. Deswegen muss Versöhnung sein, ehe Segen sein kann. Und diese Versöhnung hat Christus durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben am Kreuz bewirkt.
Der Grablegung ist auf gleicher Weise das Bild der Geburt Jesu zugeordnet. Den Leichentüchern des Verstorbenen entsprechen die Windeln des Neugeborenen. Die Herrschaft des Todes konnte nur durch die  Menschwerdung Gottes gebrochen werden, eine vollkommene Menschwerdung vom Mutterschoß bis zum Grab.
Dem leeren Grab zugeordnet ist schließlich das alles beherrschende Bild des Auferstandenen. Die Dimensionen des Bildes, der Strahlenkranz und die Siegesfahne deuten auf die Fülle der Herrlichkeit, die Jesus nun umgibt, eine Fülle, die nicht mehr durch menschliche Begrenztheit eingeengt ist, eine Fülle, die er allen, die ihm in Liebe verbunden sind, weiter schenkt.                    

 

Katharina Goodwin