MUSIKALISCHE IMPULSE FÜR DIE KARWOCHE: GRÜNDONNERSTAG

Improvisation über das Lied „O Haupt, voll Blut und Wunden“

von Paul Gerhardt (Text) und Hans Leo Haßler (Melodie)

 

Gespielt von unserer Organistin Mar Vaque

Aufgenommen am 5. April 2020 in ihrer katalanischen HeimateimHeim, wo sie sich bis zur Einreiseerlaubnis aufhalten muss.

 

 

O Haupt, voll Blut und Wunden,

voll Schmerz und voller Hohn,

o Haupt, zum Spott gebunden

mit einer Dornenkron,

o Haupt, sonst schön gezieret

mit höchste Ehr und Zier,

jetzt aber hoch schimpfieret:

gegrüßet seist du mir!

 

Ich will hier bei dir stehen,

verachte mich doch nicht;

von dir will ich nicht gehen,

wenn dir dein Herze bricht;

wenn dein Haupt wird erblassen

im letzten Todesstoß,

alsdann will ich dich fassen

in meinen Arm und Schoß.

 

Wenn ich einmal soll scheiden,

so scheide nicht von mir,

wenn ich den Tod soll leiden,

so tritt du dann herfür;

wenn mir am allerbängsten

wird um das Herze sein,

so reiß mich aus den Ängsten

kraft deiner Angst und Pein.

 

Paul Gerhardt

(EG Nr. 85, 1.6.9)


 

Das Kreuz Christi ist eine Last von der Art,

wie es die Flügel für die Vögel sind.

Sie tragen aufwärts.

 

Bernhard von Clairvaux

 

 

 

MUSIKALISCHE IMPULSE FÜR DIE KARWOCHE: MITTWOCH

Jean-Gabriel Bensoussan

 

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Johann Sebastian Bach:

Das wohltemperierte Klavier

Präludium b-moll (BWV 867) und Präludium D-Dur (BWV 866)

 

Gespielt von Jean-Gabriel Bensoussan

Aufgenommen in der Emmauskirche am 4. April 2020

 

 

Ich bete wieder, du Erlauchter

Ich bete wieder, du Erlauchter,
du hörst mich wieder durch den Wind,
weil meine Tiefen nie gebrauchter
rauschender Worte mächtig sind.

Ich war zerstreut; an Widersacher
in Stücken war verteilt mein Ich.
O Gott, mich lachten alle Lacher,
und alle Trinker tranken mich.

In Höfen hab ich mich gesammelt
aus Abfall und aus altem Glas,
mit halbem Mund dich angestammelt,
dich, Ewiger aus Ebenmaß.
Wie hob ich meine halben Hände
zu dir in namenlosem Flehn,
daß ich die Augen wiederfände,
mit denen ich dich angesehn.

Ich war ein Haus nach einem Brand,
darin nur Mörder manchmal schlafen,
eh ihre hungerigen Strafen
sie weiterjagen in das Land;
ich war wie eine Stadt am Meer,
wenn eine Seuche sie bedrängte,
die sich wie eine Leiche schwer
den Kindern in die Hände hängte.

Ich war mir fremd wie irgendwer
und wusste nur von ihm, dass er
einst meine junge Mutter kränkte,
als sie mich trug,
und dass ihr Herz, das eingeengte,
sehr schmerzhaft an mein Keimen schlug.

Jetzt bin ich wieder aufgebaut
aus allen Stücken meiner Schande
und sehne mich nach einem Bande,
nach einem einigen Verstande,
der mich wie ein Ding überschaut, -
nach deines Herzens großen Händen -
(o kämen sie doch auf mich zu).
Ich zähle mich, mein Gott, und du,
du hast das Recht, mich zu verschwenden.

 

Rainer Maria Rilke, Das Stundenbuch, Zweites Buch: Das Buch von der Pilgerschaft, 1901